Der Kooperationsplan (seit 2023): was neu ist
Seit dem 1. Juli 2023 gilt im Jobcenter der Kooperationsplan nach § 15 SGB II. Er ersetzt die alte Eingliederungsvereinbarung für Bürgergeld-Empfänger. Der Unterschied ist mehr als kosmetisch: Der Kooperationsplan ist kein öffentlich-rechtlicher Vertrag, er ist rechtlich unverbindlich, und der Ton im Gespräch soll partnerschaftlicher werden. Was das in der Praxis heißt, hängt stark vom einzelnen Jobcenter ab.
Wer ALG I über die Agentur für Arbeit bezieht, arbeitet weiter mit der Eingliederungsvereinbarung. Für Bürgergeld-Empfänger gilt der neue Kooperationsplan. Dieser Artikel sortiert die Unterschiede und zeigt, wie du mit dem neuen Instrument umgehst.
Was ist der Kooperationsplan?
Ein gemeinsames Dokument zwischen dir und deinem Coach im Jobcenter. Darin stehen dein Berufsziel, die Schritte dahin und die Unterstützung, die das Jobcenter zusagt. Verhandlungsrahmen: etwa 30 bis 60 Minuten im Gespräch.
Die Sprache ist bewusst anders als bei der alten Eingliederungsvereinbarung. Statt “du verpflichtest dich” heißt es “wir vereinbaren”. Statt “Sanktion bei Nichterfüllung” finden sich weichere Formulierungen. Das ist Absicht.
Gesetzlich geregelt in § 15 SGB II{target=“_blank” rel=“noopener”}. Die Bürgergeld-Reform hat die Beziehung zwischen Jobcenter und Leistungsbeziehern umgestaltet.
Was ist rechtlich anders?
Drei Punkte, die im Alltag zählen.
Der Kooperationsplan ist kein öffentlich-rechtlicher Vertrag. Die alte Eingliederungsvereinbarung war das. Das heißt: Die Sanktionsmöglichkeiten bei Verstößen sind eingeschränkter. Einzelne Pflichten können nicht mehr allein aus dem Kooperationsplan hergeleitet werden. Das Jobcenter muss separate Verwaltungsakte erlassen, wenn es eine Pflicht durchsetzen will.
Die Vertrauensphase ist ein Kernbestandteil. In den ersten sechs Monaten gibt es keine Sanktionen wegen Pflichtverletzungen, wenn du im Erstgespräch warst und einen Kooperationsplan vereinbart hast. Das ist deutlich anders als bei der alten Eingliederungsvereinbarung.
Meldeversäumnisse bleiben sanktionsfähig. Wenn du einen Termin ohne Grund nicht wahrnimmst, greift § 32 SGB II weiterhin. Das wird oft übersehen. Der Kooperationsplan schützt vor Pflicht-Sanktionen, nicht vor Termin-Sanktionen.
Wie verhandelst du einen Kooperationsplan?
Anders als die alte Eingliederungsvereinbarung ist der Kooperationsplan bewusst verhandelbar. Das Jobcenter ist angehalten, auf deine Perspektive einzugehen.
Bring dein Berufsziel mit. Nicht “irgendeinen Job”, sondern eine konkrete Richtung. “Ich will in die Digitalisierung wechseln” ist besser als “Ich bin offen für alles”.
Bring Vorschläge für die Schritte mit. Wenn du Weiterbildung willst, nenn sie. Wenn du Bewerbungscoaching willst, nenn es. Wenn du erst einmal Praktika machen willst, um zu sondieren, nenn auch das.
Bring Gründe für deine Wünsche mit. Warum Digitalisierung und nicht zurück in den alten Beruf? Warum 4-monatiger Vollzeit-Kurs und nicht Teilzeit? Konkrete Argumente helfen dem Coach, deinen Plan zu unterstützen.
Was Teilnehmer mir in der Beratungspraxis immer wieder erzählen: Der Kooperationsplan funktioniert nur dann partnerschaftlich, wenn du als Partner auftrittst. Wer passiv abwartet, bekommt den Standardplan. Wer aktiv mitgestaltet, bekommt oft den individuelleren Plan.
Was darfst du im Kooperationsplan verlangen?
Die Liste ist ähnlich wie in der Eingliederungsvereinbarung, aber mit mehr Spielraum.
Weiterbildungsmaßnahmen über den Bildungsgutschein nach § 81 SGB III analog{target=“_blank” rel=“noopener”} (für Bürgergeld-Empfänger gilt das entsprechende SGB-II-Regelwerk).
Coaching- und Aktivierungsmaßnahmen (AVGS).
Fahrtkostenübernahme zu Bewerbungsgesprächen.
Übernahme von Bewerbungskosten.
Kinderbetreuungskostenübernahme während Weiterbildung oder Bewerbung. Hier gelten 160 Euro pro Kind und Monat seit 01.08.2022 (§ 87 SGB III).
Eingliederungszuschuss für den künftigen Arbeitgeber.
Mehrbedarf für Alleinerziehende nach § 21 SGB II{target=“_blank” rel=“noopener”}, zwischen 12 und 60 Prozent des Regelbedarfs je nach Kinderkonstellation.
Wichtig: Der Kooperationsplan listet Leistungen, die in Frage kommen. Die konkrete Bewilligung erfolgt separat als Verwaltungsakt. Eine Nennung im Kooperationsplan ist also noch keine Bewilligung, aber ein starker Hinweis auf deine Ansprüche.
Was sind die typischen Fallstricke?
Zu unkonkretes Ziel. “Arbeitsaufnahme” ist zu weit. Ohne konkretes Ziel wird der Plan beliebig.
Zu viele Standardformulierungen. Wenn der Coach dir ein Standarddokument vorlegt, das nicht auf dich zugeschnitten ist, sag es. Der Kooperationsplan soll individuell sein.
Keine Nachweise über eigene Aktivität. Auch wenn Sanktionen milder sind, dokumentierst du besser, was du getan hast. Das hilft bei Rückfragen und bei der Fortschreibung.
Fortschreibung wird vergessen. Der Plan muss regelmäßig aktualisiert werden. Wenn das ein halbes Jahr nicht passiert, wirkt er inhaltlich leer.
Was passiert bei Pflichtverletzungen?
Die Regeln sind seit der Reform 2023 differenziert.
In den ersten sechs Monaten (Vertrauensphase): keine Sanktionen wegen Pflichtverletzungen, wenn Kooperationsplan besteht. Sanktion bei Meldeversäumnissen bleibt.
Nach der Vertrauensphase: Pflichtverletzungen führen zu 10, 20 oder 30 Prozent Kürzung des Regelbedarfs für einen Monat, je nachdem zum wievielten Mal. Die Details in §§ 31-32 SGB II{target=“_blank” rel=“noopener”}.
Wiederholte Pflichtverletzungen können gestaffelt werden. Das ist nicht der Regelfall, sondern die Ausnahme bei hartnäckigem Verhalten.
Was hilft: frühzeitig kommunizieren. Wenn du einen Termin nicht schaffst oder eine Pflicht nicht erfüllst, melde dich aktiv beim Jobcenter. Das vermeidet viele Sanktionen.
Was mache ich, wenn ich den Kooperationsplan nicht unterschreiben will?
Der Kooperationsplan ist schriftlich fest, wird aber ohne Unterschrift nicht erzwungen. Das Jobcenter dokumentiert, dass du ihn kennst. Ab da gelten die Regeln.
Unterschrift verweigern ist kein strategischer Vorteil. Verhandeln ist der bessere Weg. Wenn du wirklich mit dem Plan nicht einverstanden bist, sag das begründet. Ein Coach, der offen reagiert, passt an. Ein Coach, der nicht anpasst, kann durch einen Vorgesetzten oder Wechsel des Ansprechpartners gegengeprüft werden.
Bei Konflikten helfen Beratungsstellen. Sozialverbände wie VdK{target=“_blank” rel=“noopener”} oder SoVD{target=“_blank” rel=“noopener”} beraten kostenlos zu SGB-II-Fragen. Bei geringem Einkommen kannst du auch einen Beratungshilfeschein beim Amtsgericht für eine Anwaltsberatung beantragen. Mehr zur Eskalation im Artikel über Wenn du merkst dass der Vermittler nicht zu dir passt.
Unterschiede Kooperationsplan vs. Eingliederungsvereinbarung
Eine Gegenüberstellung für Klarheit.
| Punkt | Kooperationsplan (Jobcenter, SGB II) | Eingliederungsvereinbarung (AfA, SGB III) |
|---|---|---|
| Rechtsnatur | Kein öffentlich-rechtlicher Vertrag | Öffentlich-rechtlicher Vertrag |
| Unterschrift | Nicht zwingend | Zwingend oder Verwaltungsakt |
| Vertrauensphase | Ja, 6 Monate | Nein |
| Sanktionen bei Pflichtverletzung | Erst nach Vertrauensphase | Sofort möglich |
| Sanktionen bei Meldeversäumnissen | Immer möglich | Immer möglich |
| Seit wann | 01.07.2023 | Seit vielen Jahren |
| Gesetz | § 15 SGB II | § 37 SGB III |
Die Unterschiede wirken sich im Alltag vor allem auf den Gesprächston aus. Mehr zur alten Eingliederungsvereinbarung im Artikel über Die Eingliederungsvereinbarung: was du unterschreibst.
Häufige Fragen
Gilt der Kooperationsplan für alle Bürgergeld-Empfänger?
Ja, im SGB-II-Bereich ist er das Standardinstrument seit 01.07.2023. Für ALG-I-Empfänger in der AfA gilt weiterhin die Eingliederungsvereinbarung.
Wie oft wird der Kooperationsplan aktualisiert?
Üblicherweise alle sechs Monate oder bei wesentlicher Änderung deiner Lage (neuer Job, Umzug, Krankheit). Fortschreibungen sind Pflicht, wenn der ursprüngliche Plan nicht mehr passt.
Kann ich Weiterbildung in den Kooperationsplan aufnehmen lassen?
Ja, das ist einer der stärksten Hebel. Je konkreter der Weiterbildungswunsch im Plan steht, desto besser die Argumentationsgrundlage für den späteren Bildungsgutschein.
Was ist, wenn ich mitten im Plan arbeitslos werde oder einen Job finde?
Bei Arbeitsaufnahme wird der Plan inhaltlich hinfällig. Bei Arbeitslosigkeit (neu oder erneut) muss er angepasst werden. In beiden Fällen Termin beim Jobcenter vereinbaren.
Unterscheidet sich der Kooperationsplan zwischen Jobcentern?
Die Struktur ist bundesweit ähnlich, aber der Ton und die Spielräume variieren. Manche Jobcenter verhandeln offener als andere. Das liegt an der lokalen Führung und Arbeitskultur.
Über den Autor
Dr. Jens Aichinger ist Gründer von SkillSprinters, einem DEKRA-zertifizierten Bildungsträger für KI- und Digitalisierungs-Weiterbildungen. Promovierter Wirtschaftspädagoge, seit über zehn Jahren in Bildung und Digitalisierung. Mehr über den Autor.
Zuletzt geprüft am 21.04.2026 von Dr. Jens Aichinger.
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