Gehörlos oder schwerhörig: Unterstützung im Gespräch
Für gehörlose und schwerhörige Menschen stellt die Agentur für Arbeit Gebärdensprachdolmetscher, Schriftmittler oder induktive Höranlagen bereit. Die Kosten trägt die Agentur, wenn die Hilfen erforderlich sind. Das regelt § 17 Sozialgesetzbuch I in Verbindung mit § 187 SGB IX. Ein Anspruch besteht, der Antrag sollte zwei Wochen vor dem Termin eingehen.
Die Agentur für Arbeit ist nach Bundesteilhabegesetz verpflichtet, barrierefreie Kommunikation zu gewährleisten. In der Praxis heißt das: Du musst das Gespräch verstehen können und dich verständlich machen können. Dafür gibt es mehrere Werkzeuge.
Welche Unterstützung ist verfügbar?
Welche Hilfe passt, hängt an deiner Hörsituation und an deinen Kommunikationsvorlieben. Fünf Optionen sind üblich.
Gebärdensprachdolmetscher. Für gehörlose Menschen, die in Deutscher Gebärdensprache (DGS) kommunizieren. Der Dolmetscher ist im Raum oder per Video zugeschaltet.
Schriftmittler (auch Schriftdolmetscher). Die gesprochene Sprache wird in Echtzeit schriftlich auf einen Bildschirm übertragen. Geeignet für schwerhörige Menschen, die Deutsch lesen.
Lautsprachbegleitende Gebärden (LBG). Eine Kombination aus Lautsprache und Gebärden, für Menschen die beides nutzen.
Induktive Höranlage. Ein technisches System, das mit Hörgeräten gekoppelt wird. Verbessert das Verstehen in lauten oder schwierig akustischen Räumen.
Ruhiger Raum mit guter Akustik. Oft der wichtigste Punkt für schwerhörige Menschen. Ein Raum ohne Hintergrundgeräusche macht vieles einfacher.
Welche Option die Agentur standardmäßig anbietet, hängt an der örtlichen Ausstattung. Größere Agenturen haben eher induktive Höranlagen und geschulte Ansprechpartner, kleinere Standorte arbeiten mit externen Dolmetschern.
Wer trägt die Kosten?
Die Agentur für Arbeit trägt die Kosten für die angemessene Unterstützung. Du musst nichts vorstrecken. Die Rechtsgrundlage findet sich in § 17 Absatz 2 SGB I{target=“_blank” rel=“noopener”} und in der Teilhaberegelung des SGB IX.
Wer einen Gebärdensprachdolmetscher stellt, wird über feste Kostensätze abgerechnet. Du selbst bekommst davon nichts zu sehen, das läuft zwischen Dolmetschervermittlung und Agentur.
Eine Besonderheit: Wenn du den Dolmetscher für berufsbezogene Kontexte (Bewerbungsgespräche, Arbeitsprobe, späterer Arbeitsplatz) brauchst, greift die Leistung zur Teilhabe am Arbeitsleben (LTA) nach § 49 SGB IX{target=“_blank” rel=“noopener”}. Die Finanzierung läuft dann ggf. über die Deutsche Rentenversicherung statt über die AfA.
Wie beantragst du die Unterstützung?
Der Antrag erfolgt formlos. Wichtig ist nur der Vorlauf.
| Schritt | Was passiert |
|---|---|
| 1. Einladung erhalten | Schriftlicher oder elektronischer Termin-Brief |
| 2. Anfrage stellen | Mitteilung an Agentur: “Ich benötige einen Gebärdensprachdolmetscher / Schriftmittler” |
| 3. Bestätigung | Agentur bestätigt, organisiert den Dolmetscher |
| 4. Termin | Dolmetscher ist anwesend (Präsenz oder Video) |
Kanäle für die Anfrage:
- Schriftlich per Mail oder Brief an die zuständige Agentur
- Per Online-Kontaktformular auf arbeitsagentur.de
- Per SMS / WhatsApp über das Mein-NOW-Portal (wo verfügbar)
- Über einen Dritten (Familie, Sozialarbeiter, Integrationsfachdienst)
Wer beim Erstkontakt schon angibt, dass er gehörlos ist, bekommt Einladungen meistens direkt mit dem Hinweis “Ein Dolmetscher wird organisiert”. Das spart späteres Nachhaken.
Präsenz oder Video: was ist besser?
Beide Varianten haben Vor- und Nachteile. Die Wahl hängt am persönlichen Stil.
Präsenz-Dolmetscher
- Klare räumliche Anwesenheit, gute Blickkontakte
- Körperliche Präsenz in schwierigen Gesprächen
- Braucht Vorlauf und Terminabstimmung
Video-Dolmetscher
- Oft schneller verfügbar
- Guter technischer Stand bei Tageslicht und stabiler Internetverbindung
- Weniger persönlich, kann bei emotional heiklen Themen schwierig sein
In der Praxis nutzen viele Agenturen zunehmend Video-Dolmetscher für Routine-Gespräche und Präsenz-Dolmetscher für komplexe Beratungstermine. Du darfst beim Antrag deine Präferenz nennen.
Was ist, wenn du selbst gute Schreibkompetenz hast?
Manche schwerhörigen Menschen bevorzugen schriftliche Kommunikation. Dann ist ein Schriftmittler die Lösung. Der Mittler tippt in Echtzeit, der Text erscheint auf einem Tablet oder Bildschirm im Raum.
Schriftmittler arbeiten mit CASpro-Software oder ähnlichen Systemen. Die Textqualität ist hoch, die Zeitverzögerung meist unter 3 Sekunden. Für Gespräche, in denen Details wichtig sind (Eingliederungsvereinbarung, Bildungsgutschein-Bedingungen, Rechtliche Aspekte), ist Schriftmittlung oft präziser als Gebärdensprache.
Induktive Höranlage: was ist das?
Eine induktive Höranlage ist eine Technik, die in einem Raum installiert ist oder als mobile Anlage mitgebracht wird. Das Gesagte wird per Magnetfeld direkt in das T-Spulen-Programm deines Hörgeräts übertragen. Störgeräusche fallen weg, du hörst den Sprechenden klar.
Größere Agenturen (vor allem in Großstädten) haben solche Anlagen fest installiert. In kleineren Standorten ist ein mobiles Gerät möglich. Frage bei der Anfrage, ob eine Höranlage vorhanden ist.
Wichtig: Du brauchst ein Hörgerät mit T-Spule. Die meisten modernen Hörgeräte haben diese Funktion, aktivierbar über einen Schalter oder einen Hör-Modus. Wenn du unsicher bist, frag deinen Akustiker.
Vermittler vorbereiten: was du vorher mitteilst
Ein Vermittler, der zum ersten Mal mit einem gehörlosen Menschen spricht, ist manchmal unsicher. Hilfreich ist, wenn du ihm vor dem Termin kurz mitteilst, worauf er achten soll.
Typische Hinweise:
- “Bitte sprechen Sie in normalem Tempo, der Dolmetscher übersetzt”
- “Bitte schauen Sie mich an, nicht den Dolmetscher, wenn Sie sprechen”
- “Bitte keine Hintergrundgespräche, das erschwert die Übersetzung”
- “Termin bitte 1,5x so lang ansetzen wie normal”
Diese Hinweise machen den Unterschied zwischen einem zähen Gespräch und einem effizienten. Der Vermittler merkt schnell, dass du strukturiert kommunizierst, und stellt sich darauf ein.
In meiner Beratungspraxis sehe ich immer wieder, dass Teilnehmer mit Hörbehinderung unterschätzen, wie viel sie selbst zur Gesprächsqualität beitragen können. Wer vorher kurz die Spielregeln benennt, hat ein besseres Gespräch als jemand der hofft, dass alle intuitiv wissen, wie das geht.
Weitere Anlaufstellen bei Hörbehinderung
Die Agentur für Arbeit ist nicht die einzige Stelle, die Unterstützung bietet. Weitere Kontakte:
- Integrationsfachdienst (IFD). Kostenlose Beratung bei Behinderung im Arbeitskontext. Adressen auf integrationsaemter.de{target=“_blank” rel=“noopener”}
- Deutscher Gehörlosen-Bund. Berät zu Rechten, Kommunikationshilfen, Teilhabe
- Landesämter für Soziales. Zuständig für Schwerbehindertenausweis und Merkzeichen (z.B. Merkzeichen GL für Gehörlos)
- Bundesagentur Reha-Beratung. Spezialdienst innerhalb der Agentur für Fragen zur Teilhabe am Arbeitsleben. Siehe auch körperliche Einschränkung und Reha-Beratung
Mit einem Schwerbehindertenausweis (GdB ab 50, GL für Gehörlos, H für hilflos) hast du zusätzliche Rechte und ggf. Anspruch auf weiterführende Förderungen nach SGB IX.
FAQ
Muss ich einen Schwerbehindertenausweis haben?
Nein. Die Unterstützung im Gespräch ist unabhängig von einem Ausweis. Du bekommst Dolmetscher oder Schriftmittler, sobald du den Bedarf nachweist. Der Ausweis bringt zusätzliche Rechte in anderen Kontexten, ist für die Vermittlung aber nicht Voraussetzung.
Was, wenn ich im Termin trotz Dolmetscher nicht alles verstehe?
Du darfst jederzeit unterbrechen und um Wiederholung oder Erläuterung bitten. Der Dolmetscher ist verpflichtet, das zu übersetzen. Scheue dich nicht, auch mehrfach nachzufragen. Das ist kein Zeichen von Schwäche, sondern von gutem Gespräch.
Kann ich während einer Online-Weiterbildung einen Dolmetscher bekommen?
Im Rahmen der Leistungen zur Teilhabe am Arbeitsleben (LTA) kann ein Gebärdensprachdolmetscher auch für Bildungsmaßnahmen gefördert werden. Antragsteller ist dann oft die Deutsche Rentenversicherung. Sprich das beim Bildungsgutschein-Antrag an.
Gibt es Nachteile durch die Anforderung eines Dolmetschers?
Nein. Die Unterstützung ist dein Recht. Weder Sperrzeiten noch Ablehnungen beim Bildungsgutschein hängen daran. In der Praxis werden Menschen mit Hörbehinderung oft besonders wohlwollend beraten, weil der Aufwand ihrer Alltagskommunikation sichtbar wird.
Was, wenn der Dolmetscher nicht kommt?
Ein nicht erschienener Dolmetscher ist ein Organisationsfehler der Agentur, nicht deiner. Der Termin wird verschoben, der nächste Dolmetscher gebucht. Du bekommst dadurch keine Nachteile. Bei wiederholten Ausfällen ist eine Beschwerde bei der Teamleitung sinnvoll.
Über den Autor
Dr. Jens Aichinger ist promovierter Naturwissenschaftler, Gründer von SkillSprinters (DEKRA-zertifizierter Bildungsträger nach AZAV) und arbeitet als Online-Träger mit barrierefreiem Format. Kommunikationshilfen sind in der Weiterbildungspraxis nicht die Ausnahme, sondern normaler Teil der Förderungslandschaft. Mehr zum Autor.
Zuletzt geprüft am 22. April 2026 von Dr. Jens Aichinger.
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